Wurzeln des Lebens

Im Kunstforum Arabellapark in Bogenhausen sind Holzschnitte und Keramikobjekte zu sehen


Bogenhausen. Die Wurzeln der dünnen, langen Bäume suchen Halt, suchen nach Wasser. Ohne sie würden die Stämme stürzen, wenn Stürme über das Land fegen Schicht für Schicht bohren sich die Wurzeln vielädrig ihren Weg ins Erdreich. Alle Bäume der in Regensburg lebenden Künstlerin Gisela Griem haben, auch wenn sie nur wenige Blätter tragen, einen festen Stand. Sie trotzen Wind und Wetter.

Der Baum als Symbol des Lebens – natürlich drängt sich diese Assoziation auf, wenn man die abstrakten Holzschnitt-Arbeiten der Künstlerin betrachtet, die derzeit in der Ausstellung „Schichtungen" im Kunstforum Arabellapark zu sehen sind. Die in viele Richtungen verästelten Zweige, die Wurzeln, die das Bild von Ferne wie einen Stadtplan aussehen lassen, sind Lebenswege, Lebenslinien. Auf ihnen könnte man von einem Ort zum nächsten reisen - immer auf der Suche nach dem eigenen Ich, nach dem richtigen Weg. Griems Bäume sind minimiert auf das Wesentliche, haben klare, fast archaische Formen. Auch in anderen Arbeiten überwiegt diese Formensprache, die auch immer eine künstlerische Auseinandersetzung von Abstraktion und Figürlichkeit ist. Und nicht umsonst bevorzugt Griem den experimentellen Holzschnitt im langen und schmalen Format.

Der Arbeitsprozess, der eine genaue Planung der einzelnen Schneide- und Schnitzschritte für die Druckplatte und die sorgfältige Farbnuancierung voraussetzt, fördert eine intensive Auseinandersetzung mit dem Thema, ist handwerkliche und gleichermaßen ästhetische Herausforderung: Gisela Griem lotet aus - vor allem, was die Farbgebung betrifft, die in allen ihren Arbeiten eine sehr subtile Sprache spricht.

Wunderbar passen zu den Holzschnitten die keramischen Kunstobjekte von Susanne Ibler. Ihre Arbeiten, die in der Kunstzone der Stadtbibliothek zu sehen sind, sind eine Art Weiterführung der Holzschnitte. Die Loslösung von jeder figürlichen Formensprache ist hier bereits vollzogen, Iblers Objekte, die in ihrer Form und ihrem Material wirken wie Steinfindlinge aus der Eiszeit, sind rohe, archaische Kunstwerke. Die Oberflächen sind rau, "unverputzt" und nur bruchstückhaft mit Glasur versehen.

Zu sehen bis 19. November, Kunstforum Arabellapark, Rosenkavalierplatz 16, Mo., Di., Do. und Fr., 10 bis 19 Uhr; Mittwoch, 14 bis 19 Uhr.

Nicole Graner
Quelle: Süddeutsche Zeitung, 11. November 2010
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