Mit wenigen Linien wird das Wilde gebändigt

Gisela Griem fängt das Chaotische aus der Natur und gibt ihm in ihren Holzschnitten eine Ordnung. Beim Tag der Offenen Ateliers zeigt sie ihre Kunst.


WENZENBACH. Keck schiebt sich ein frisches Maigrün hinauf über tiefschwarzen Grund, dazwischen ein Weiß, ein Jadegrün. Fröhlich, lebendig. Und dabei doch klar strukturiert, abstrahiert, und trotzdem noch gut erkennbar: das Stück einer Pflanze, Blattwerk. Kunst. Für ihre Holzschnitte fängt Gisela Griem das Wilde, das Chaotische aus der Natur ein, reduziert es, verleiht ihm Struktur, bringt Ordnung hinein. Und dann spielt sie damit, schichtet übereinander, schafft neue Tiefen, Doppelbödigkeiten.

Darin ist sie selbst wie ihr Garten, der sich in der Bergstraße in Wenzenbach den steilen Hang hinunter ergießt und den sie so liebt: „Eine Mischung aus Ordnung und Struktur und zugleich Wildem und Chaos." Mal sind es Vögel, mal die Wellen des Wassers, mal hat es ihr der Hopfen der Hallertau angetan oder wie jetzt die sich übereinander schichtenden Strukturen des Urwalds, die Bäume.

Ihre Motive, die sie in stets wandelnden Serien bearbeitet, schneidet die 72-jährige Wenzenbacherin in tiefen Furchen aus einer Holzplatte. Jetzt experimentiert sie in ihrem Keller, den sie sich zum Atelier umgebaut hat, gerade mit Linoleum. „Aber das ist mir zu dünn. Das verbiegt sich." Und so hat sie die Platte von einem Schreiner doch wieder auf Holz ziehen lassen. Das Ergebnis zieht sie mit Farbe auf Papier ab, gerne auch mal übereinander, versetzt, in mehreren Schichten wie eine Collage. So entsteht immer wieder Neues, eins ums andere, Blatt für Blatt. Das Genaue, Akkurate, Abgegrenzte der Grafik liegt der pensionierten Realschullehrerin, die bei den „Englischen Fräulein" Englisch und Französisch unterrichtet hat, spiegelt auch ein Stück ihres Wesens. Und das ist ihr auch von ihrem allerersten Kunstlehrer, dem Aquarell-Maler Heribert Losert - „ein sehr strenger Lehrer“ -, geblieben. Der hat mit seiner Kritik zwar so mancher Teilnehmerin die Tränen in die Augen getrieben. Aber Gisela Griem hat es ausgehalten. „Er war gut und hat mich vollkommen überzeugt", sagt sie noch heute.

Das Vergnügen an der Kreativität, das Spielerische, den Spaß nennt sie als Motive für ihr Werken. „Dass man aus einer Sache so viele verschiedene Dinge machen kann." Nach dem Tod ihres ersten Mannes, der eigenen Pensionierung hat sie sich wieder intensiver der Kunst zugewandt, hat die verschiedensten Kurse besucht: Acryl und Mischtechnik bei Renate Christin und Stefan Geisler, Zeichnen bei Hans-Jürgen Gartner, Objektkunst, Collagen bei Sati Zech oder Komposition bei Brigitte Dümling.

Irgendwann hat ihr jemand gesagt, dass ihre Arbeiten etwas sehr Grafisches haben. Und so ist Gisela Griem zum Holzschnitt gekommen. Das Handwerk hat sie bei Jo Bukowski gelernt - „auch wieder ein sehr strenger Lehrer, erzählt sie mit einem kleinen Schmunzeln. Und genau so, sauber und akkurat, gibt die gebürtige Österreicherin, die 1968 nach Regensburg kam und seit 1973 in Wenzenbach wohnt, ihr Wissen inzwischen selber auch weiter.

Griem muss nie lange überlegen, wenn sie vor einer Arbeit sitzt. „Ich weiß immer ganz genau, was ich machen will." Doch was für die einen pure Entspannung ist, lässt die 72-jährige unter Strom stehen: der kreative Prozess. „Ich kann nachts dann nicht mehr schlafen." Inspirationen holt sie sich aus der Natur, beim Spazierengehen in der Holledau, beim Aufenthalt am Chiemsee, in Murnau. Mit dem Fotoapparat fängt sie eine Szene ein oder nimmt ein Bild aus dem Internet. Und macht sich dann auf die Suche nach den inneliegenden Strukturen. Nicht jedes Thema erschließt sich dabei auf Anhieb. „Das Wasser lief gut", erzählt Griem. Das war sehr ergiebig. Sie hat jedes Hell und Dunkel einzeln abgebildet, die Platten dann übereinander gelegt, in bis zu fünffachen Schichten. Auch mit dem Hopfen hat sie viel gemacht. „Da bin ich jetzt durch." Nur die Vögel waren schwierig. „Man kann mit denen nicht so herumspielen." Jetzt hat die Künstlerin noch ein Thema in ihrer Schublade liegen: Spinnennetze. Auch die würde sie gerne weiterentwickeln, sodass man sie kaum noch erkennt. Doch noch zuckt Gisela Griem mit den Schultern: „Ich weiß noch nicht, wohin das gehen soll."

Martina Schaeffer, MZ
Quelle: Mittelbayerische Zeitung 27.09.2012
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