Landschaft als Linie, Spur oder Rune

"Gefundene Landschaften" von Gisela Griem in der Kunststation St. Jakob


IHRLERSTEIN. Was kann bildende Kunst, was Fotografie oder andere "maschinelle" Abbildungstechniken (so) nicht können? Sie verwandelt, sie abstrahiert. Der Gegenstand verschwindet dadurch nicht. Er wird auch nicht vernichtet. Aber er muss erst Auge und Hand und natürlich auch Herz und Hirn des Künstlers passieren, bevor er erscheint.

Jedes Bild ist ein Memento, ein Dokument gelebter Geschichte. Es verwandelt Raum in Zeit, d. h. in Erfahrung und Erinnerung. Es lässt in dem, was bloß ("zufällig") da war, etwas erkennen, worauf es verweist, was in ihm (auch) sichtbar wird. Im Bild wird alles zur Metapher: Spur einer Erzählung, die so noch nie erzählt wurde .. "Gefundene Landschaften" nennt Gisela Griem ihre Holzschnitte, Collagen und Radierungen. Wo hat sie diese Landschaften "gefunden"? Und wie? Die erste Antwort lautet, mit einem kleinen Zögern: "In Murnau". Das Zögern rührt daher, dass vieles an den Bildern schon vor dem ersten Blick fertig oder zumindest angelegt war. Es ist die Imagination, das sich die Anschauung sucht. Und wer Murnau sagt, hat auch seine Unschuld verloren. Der Name verweist auf eine große Tradition. Kandinsky und die Münter haben dort gelebt und gearbeitet, Die Bilder der anderen gehen in die eigenen Bilder ein - oder zumindest in die Blicke der Betrachter -, ob man es will oder nicht.

Gisela Griem dürfte die Assoziation nicht stören; sie arbeitet mit ihr. Sie will nicht ,,Authentizität" im Sinn des Unerhörten, des noch nie Gesehenen, des so nur ihr Eigenen, sondern den Prozess, also ein Fortschreiten, das mit

dem rechnet, was schon war. Zur frappierenden Poesie dieser "Landschaften" gehört die Reduktion, ein meditativer ,Minimalismus. Dazu passt das Verfahren des Holzschnitts, der Radierung; also die Sprödigkeit des Materials, sein Widerstand. Griem: "Ich möchte gar nicht mehr mit dem Pinsel arbeiten." Landschaft wird bei ihr zur Linie - und zur wiederkehrenden Textur. Schönheit nicht als Sinnenrausch, sondern "more geometrico". Das unmittelbar Gegebene mutiert zum Zeichen. Die Sprache des Schilfs, die sie besonders fasziniert, erscheint als Kalligraphie. Landschaft ist bei ihr nicht simple Präsenz, nicht weiter bedacht, sondern Spur oder Rune. Wenn diese Landschaft "gefunden" wird - und dieser Hinweis nicht eher eine Falle ist: Maske für die Macht der Imagination -, dann im Raum des Gedächtnisses. "

Alles, was erinnert wird, wird mehrfach erinnert. Gisela Griem "antwortet" auf diese Vielfalt, auf diese Überblendungen, indem. sie übereinander druckt. Was wie eine "Sicht" erscheint, ist ein Ensemble der Perspektiven und der Arbeitsvorgänge.

Als reichte das "nicht, wird jedes Bild "aufgerissen", ergänzt. Die Form des Triptychons nutzt Gisela Griem, um zu verdeutlichen, worum es ihr geht. Auch Collage bedeutet: Präzisierung dessen, was man nur scheinbar schon gesehen und sofort erkannt hat. Das "wahre" Bild bleibt verborgen. Es ist das Bild hinter all den Bildern. Man kann sich ihm nur geduldig nähern.

Noch bis 9. August, jeweils So. von 11-12 und 14-17 Uhr in der Kunststation St. Jakobus/Ihrlerstein.

Helmut Hein
Mittelbayerische Zeitung, 29. Juli 2009
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